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Frankenstein-Kamera, Teil 1: Die Suche nach dem Gehäuse

Aktualisiert am 1 Jul 2026

Wo ist die Freude am einzelnen Bild geblieben?

Ich arbeite ständig mit Kameras und neuer Technologie, bin quasi immer am Puls der Zeit - Gaussian Splatting, Künstliche Intelligenz, all das Zeug. Und trotzdem fehlt mir seit Langem etwas. Genauer gesagt: der Spaß am Fotografieren an sich. Einfach rausgehen und die Kamera zücken - nicht weil ich das perfekte Bild will. Nicht weil ich 1000 Aufnahmen für einen guten Photogrammetrie-Scan oder Gaussian Splat brauche. Mir fehlt das Gefühl, die Kamera einfach mitzunehmen und Spaß zu haben. Kein Editing, einfach den Moment leben und nehmen, was dabei rauskommt.

Versteh mich nicht falsch, der ganze andere Kram macht mir auch riesigen Spaß. Aber einfach die Kamera rausholen, ohne an die Technik dahinter zu denken - nur fotografieren - das fehlt mir seit Ewigkeiten. Nicht überlegen, ob das Bild jetzt gut oder schlecht ist. Nicht die Farben checken, nicht zurückschauen, ob die Belichtung gestimmt hat. Einfach auslösen und Spaß dabei haben. Ich bin jemand, der gerne tief eintaucht, der jede Technik bis ins Detail verstehen will, der jede einzelne Stellschraube an Kamera oder Code kennen will - aber genau das lässt mich nie wirklich abschalten.

Eines Tages bin ich über eine alte Kamera meines Großvaters gestolpert, eine Canon A-1 Filmkamera, und das hat eine Idee in mir ausgelöst: mich selbst zu limitieren, um wieder mehr Spaß am Fotografieren zu haben. Was war an Filmkameras so gut? Kein Display, auf dem man checken kann, ob der Schuss gesessen hat. Nicht viele Optionen - Film aussuchen, Objektiv drauf, schießen. Das Ergebnis siehst du erst später. Fotografieren, ohne über Einstellungen nachzudenken, die man noch tweaken könnte. Einfach schießen.

Und was ich an Film wirklich liebe, sind die Unperfektheiten. Du musst hinterher nicht in Lightroom rumschrauben, um ein Gefühl reinzubekommen - jedes Bild ist von Natur aus anders. Anderes Korn, anderer Lichteinfall, kein Bild gleicht dem anderen. Sein ganz eigener Stil. Also fing ich an, darüber nachzudenken, alte Filmkameras mit neuer Technologie zu kombinieren - mich dabei aber so gut es geht selbst einzuschränken, um im Moment zu bleiben, ohne über die Technik dahinter nachzudenken.


Was der Markt hergibt

Mit dieser Idee im Kopf hab ich angefangen zu recherchieren - was gibt's auf dem Markt, welche Optionen hab ich, wonach suche ich eigentlich. Am Ende wollte ich eine möglichst billige Kamera, eine, um die ich mir keine Sorgen machen muss. Eine, die kaputtgehen kann und ich einfach mit den Schultern zucke und sage "ist okay, passiert" - nicht eine, die ich wie ein rohes Ei behandeln muss, weil sie so viel wert ist wie ein Auto. Meine Preisvorstellung dafür liegt bei etwa 100-200 €.

Das schränkt den Markt schon mal ordentlich ein. Bildschirmlose, bewusst limitierte Kameras, die etwas Ähnliches versuchen - wie die Leica M-D - sprengen diese Preisklasse locker. Selbst ältere Point-and-Shoot-Kameras mit diesem Vibe haben sich preislich davongemacht, weil der Markt dafür in den letzten Jahren ordentlich angezogen ist. Die meisten Kameras, die "out of the box" passen würden, fallen also schon mal raus. (Was mir ehrlich gesagt nichts ausmacht - ich bastle sowieso gerne selbst.)

Bei weiterer Recherche bin ich auf eine Handvoll gecrowdfundeter "Retro-Digital"-Kameras gestoßen, die alle ungefähr dasselbe wollen: 90er-Point-and-Shoot-Vibe, zwei, drei Filter, einfach drauflosschießen.


Kamera

Konzept

Warum es für mich nicht gepasst hat

Camp Snap

Bildschirmlose digitale Point-and-Shoot

Laut Reviews billiges Gefühl und spürbare Auslöseverzögerung

Cappy Camera

Retro-Digitalkompakte

Gleiche Software-/Design-Limitierungen wie die anderen

Papershoot Camera

Minimalistisch, austauschbare Frontplatten

Festbrennweite, durchs Design limitiert

Flashback ONE35

Digitale "Wegwerfkamera"

Festbrennweite, keine Flexibilität

Rewindpix

Wiederverwendbare digitale "Filmkamera"

Kam am nächsten ran, aber Reviews bemängelten dasselbe billige Handgefühl


Ich war wirklich kurz davor, mir eine davon zu kaufen, entweder die Camp Snap Pro/2 oder die Rewindpix. Aber nach etlichen Reviews war klar: Keine davon war wirklich die Richtige. Billiges Plastikgefühl in der Hand, spürbare Auslöseverzögerung, Software-Limitierungen, die fest ins Design eingebaut sind - das wollte ich nicht. Mir ist wichtig, dass sich ein Gerät auch wertig anfühlt. Plastikgehäuse sind klar "2000er-Vibe", okay. Aber eine Kamera, die optisch eine 60er-Jahre-Leica mit Metallgehäuse imitiert und sich dann wie Plastik anfühlt - das passt einfach nicht zusammen. Klar, leichtere Materialien machen eine Kamera alltagstauglicher, aber genau das wollte ich nicht.

Keine wechselbaren Objektive zu haben war ein weiterer Dealbreaker. Ja, ich wollte limitiert sein - aber auf die flexibelste Art möglich. Nicht für immer eingeschränkt, sondern mit der Möglichkeit, Dinge zu tauschen, wenn mal was kaputtgeht, oder wenn ich an einem Tag einfach nur Weitwinkel schießen will. Trotzdem haben diese Kameras ein paar spannende Ansätze, auf die ich später nochmal zurückkomme.

An diesem Punkt bin ich noch weiter Richtung alter Filmkameras abgedriftet und auf I Am Back Roll gestoßen, ein weiteres Crowdfunding-Projekt - ein digitaler "Film", den man in die eigene 35mm-Kamera einlegt. Klingt nach dem perfekten Fit, oder? Das Gehäuse einer alten Kamera, aber digital von innen. Dann hab ich den Preis gesehen: rund 500 €. Auch das war ganz schnell wieder vom Tisch.


Also baue ich mir meine eigene Kamera

Nachdem ich jede Option auf dem Markt durchgecheckt hatte, ohne dass eine wirklich passte, war klar: Warum nicht einfach selbst bauen? Ich hab angefangen, das Ganze ernsthafter anzugehen. Die Grundidee:

  • Raspberry Pi Zero 2 W
  • Raspberry Pi 12 MP HQ Kameramodul
  • Eine alte Kamera, rein als Gehäuse


Plan A: Das Raspberry-Pi-HQ-Modul

Mit dem HQ-Modul auf einem Raspberry Pi zu fotografieren hat echte Vorteile. Ich kann eigene Objektive und Filter verwenden - nicht nur Farbfilter, auch Rauschen und alles, was ich sonst noch will. (Nebenbei: Ende letzten Jahres hab ich schon an einem kleinen Python-Projekt gebastelt, das alten Film so genau wie möglich nachahmen sollte.) Ein Mini-Computer im Gehäuse bedeutet, ich kann meine eigene Logik dahinter schreiben, komplett flexibel.

Das HQ-Modul hat außerdem schon einen C-Mount verbaut, ich könnte also die alte Kamera komplett ausräumen, das HQ-Modul über einen Adapterring (C-Mount auf 39mm) direkt am Objektivbajonett montieren und hätte den richtigen Sensor-zu-Objektiv-Abstand für scharfe Bilder.

Aber es gibt einen großen Haken: Ein Raspberry Pi ist ein Mini-Computer, keine Image Processing Unit. Ein Foto schießen, Filter anwenden und mehr würde Sekunden dauern statt Bruchteile davon. Und der größere Haken: Der Sensor ist so klein, dass man einen Cropfaktor von 5 bekommt. Ein 50mm-Objektiv wird plötzlich zu einem 250mm-Tele, was für eine Alltagskamera, die ich überall nutzen will, nicht gerade ideal ist. Selbst ein 25mm wird zu 125mm - viel zu eng. Und weil ich wirklich meine alten Objektive und Filter nutzen wollte, war das HQ-Modul damit raus. Echt schade, es wäre ein sauberes Setup gewesen: alte Kamera ausräumen, alles montieren, fertig.


Die Wahl des Gehäuses: Warum ein alter sowjetischer Messsucher

Man könnte meinen, das Innenleben einer Filmkamera auszubauen ist easy - was ist da schon drin? Ein Platz für den Film und ein Stück Plastik, das ihn weiterspult. Stellt sich raus: nicht so einfach. Idealerweise wollte ich nur ein paar Schrauben lösen und alles ohne Spezialwerkzeug rausziehen können. Beim Stöbern auf eBay und durch alte Kamera-Listings wurde mir klar: Nur eine Handvoll Kameras passt wirklich in dieses Profil - bei den meisten ist das Innenleben fest mit dem Gehäuse verbaut, da müsste ich Sachen rausfräsen.

Hier kommt Leicas Bodenlade-Prinzip ins Spiel. Ab 1925 wurden Leica-Kameras von unten geladen - das bedeutet, man konnte den kompletten Filmmechanismus in einem Zug rausziehen und hatte danach nur noch ein leeres Metallgehäuse übrig. Reines Housing. Und 1934 hat die Sowjetunion genau diesen Mechanismus für ihre eigenen Kameras kopiert. (Anders als oft behauptet, lag das übrigens nicht daran, dass Leica nach dem Krieg seine Patente verlor - die Sowjets haben es einfach schlicht kopiert.) So entstand bei FED quasi ein Klon der Leica II, und Zorki ist später mit demselben Prinzip nachgezogen.

Bester Fall für mich also: eine Kamera, die ich ohne viel Aufwand ausräumen kann. Eine Alternative wäre sowas wie die Olympus Trip 35 gewesen, bei der die ganze Mechanik im Objektiv sitzt - aber damit ist man wieder beim Problem der wechselbaren Objektive. Im Endeffekt brauchte ich eine alte Leica von vor 1954 (danach wurde das System mit der Leica M3 umgestellt) - aber eine echte alte Leica ist alles andere als billig und liegt weit außerhalb meines ~50 €-Budgets fürs Gehäuse. Zum Glück haben die Sowjets den Mechanismus kopiert, also hatte ich günstigere Optionen:


Kamera

Größe

Besonderheit

Über die Rückseite ladbar?

Zorki 1

Kompakt

Gleiches Gehäuse wie Zorki 2, kein Selbstauslöser

Nein

Zorki 2

Kompakt

Mechanischer Selbstauslöser vorne (frisst Platz im Inneren)

Nein

FED 1

Kompakt

Am nächsten an der originalen Leica II

Nein

FED 2

Größte der vier

Lässt sich von hinten öffnen

Ja


Die FED 2 war der klare Sieger - dass man sie von hinten öffnen kann, bedeutet einfachen Zugang, um die neue Technik einzubauen, ohne mit dem Gehäuse zu kämpfen. Eine hab ich für 25 € auf eBay gefunden.


Frankenstein: Spenderkamera + Raspberry Pi

Mit dem Gehäuse entschieden, ging's an die nächste Frage: die Hauptlogik. Da das Raspberry-Pi-HQ-Modul wegen des Cropfaktors raus ist, bleibt nur noch eine Option: volles Frankenstein-Programm - eine neuere Digitalkamera als Spender nutzen und sie in die FED 2 einbauen.

Vielleicht denkst du jetzt - Moment, zerstört ein moderner Sensor in einem alten Gehäuse nicht den ganzen "Vibe" des Projekts? Nicht ganz. Meine Idee: Bilder per Raspberry Pi von der SD-Karte der Spenderkamera ziehen und Filter erst danach anwenden statt live. Der Platz ist der limitierende Faktor - ein Zero 2 W hat ziemlich wenig Rechenleistung, und ein 16-Megapixel-Bild mit prozeduralem Rauschen zu verarbeiten würde Sekunden dauern, nicht sofort und zuverlässig in Echtzeit.

Statt Live-Processing verlagere ich das also komplett offline - was super passt, weil die Kamera ja sowieso keinen Bildschirm hat. Wozu unterwegs verarbeiten, wenn eh niemand im Moment auf einen Screen schaut? Stattdessen schreibe ich eine App, die sich mit der Kamera verbindet und einen einzigen "Entwickeln"-Knopf hat - ein bisschen wie die Dunkelkammer, nur digital. Ein Klick, und sie verarbeitet den ganzen Batch. Keine Live-Vorschau, mit der man sich rumärgern muss, aber auch kein manuelles Nachbearbeiten jedes einzelnen Fotos in Lightroom.


Wozu überhaupt noch ein Raspberry Pi?

Klingt, als wäre der Pi an dieser Stelle überflüssig, oder? Nicht ganz - ich brauche immer noch eine Möglichkeit, ISO und Verschlusszeit ohne Bildschirm einzustellen. Der Plan: den Raspberry Pi zusammen mit dem PTP-Protokoll nutzen, um die Einstellungen der Spenderkamera per Fernzugriff zu steuern. Physische Drehschalter und Knöpfe sind mit dem Zero 2 W verbunden, der die Einstellungen dann bei jeder Änderung an die Kamera weitergibt.

Diese Anforderung schränkt die Spenderkamera-Suche auf eine Marke mit verlässlicher PTP-Unterstützung ein, die noch ins Gehäuse und Budget passt: Sony. Kompaktkameras von Canon und Samsung aus den frühen 2010ern hatten nur eingeschränkte PTP-Unterstützung, und alles Neuere sprengt das Budget. Bleibt die Sony-NEX-Serie:

  • Sony NEX-3 / NEX-5 - gebraucht für rund 100 €, gute PTP-Unterstützung, passt ins Budget
  • Sony A5000 - wäre ideal, sprengt aber den Rahmen


Die nächsten Schritte

Ich poste Updates, sobald es weitergeht. Als Nächstes steht an:

  • Das komplette Innenleben aus der FED 2 ausbauen und schauen, wie viel Platz tatsächlich übrig bleibt
  • Die Spenderkamera einbauen und den verbleibenden Platz für Akkus checken - ein Pack für die Kamera, idealerweise ein zweites für den Pi (plus ein 7V-auf-5V-Step-down)
  • Den Pi Zero 2 W als Controller installieren, inklusive WLAN-Dateiübertragung


Noch eine Idee für die Bedienelemente: Drehschalter (nicht stufenlos) für Verschlusszeit und ISO, ein Auslöser, ein Power-Knopf und - angelehnt an die neuen Point-and-Shoot-Systeme wie die Camp Snap Pro - ein physischer Filterschalter. Vor dem Schießen will ich ein "Film-Preset" einstellen können (1-3, bewusst limitiert). Welches Preset gewählt ist, wird in die Bild-Metadaten geschrieben, sodass die Processing-App es später automatisch anwendet - als wäre das Bild schon in der Dunkelkammer entwickelt worden.

Zum Abschluss dieses Teils der Serie noch ein letzter Gedanke: Mein Ziel ist es, mich im Moment selbst zu limitieren, an nichts zu denken und einfach zu fotografieren und Spaß zu haben - aber trotzdem frei zu sein, hinterher anzupassen, was ich will.